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Soziale Angst
1) Was ist
Soziale Angst
?
Ängste in zwischenmenschlichen Situationen, in denen wir im Zentrum
der Aufmerksamkeit anderer stehen und uns vor den möglichen negativen
Bewertungen dieser Menschen fürchten, kennen wir alle in mehr oder weniger
starkem Ausmaß. Die meisten von uns sind nervös, wenn sie sich im
Vorstellungsgespräch für eine neue Arbeitsstelle befinden, ja allein schon der
Gedanke daran ist oft unangenehm. Auch das Sprechen vor einer größeren Gruppe,
mündliche Prüfungen, eine Einladung zu Menschen, die wir kaum kennen, oder gar
ein Bühnenauftritt wird die Meisten von uns nicht kalt lassen. Selbst geübte und
professionell auftretende Menschen kennen "Lampenfieber". Dabei ist ein gewisses
Ausmaß an Nervosität durchaus hilfreich in solchen Situationen, denn dadurch
sind wir oft wacher, konzentrieren uns auf das Wesentliche und unsere
Leistungsbereitschaft ist dann besser als wenn uns alles egal wäre. Wenn die
Angst allerdings zu stark wird, dann hindert sie uns, führt zu
Konzentrationsstörungen, "black- outs", bis hin zu Schwindelgefühlen, Übelkeit
etc., die sogar dazu führen können, dass wir die Situation verlassen, was
unangenehme Konsequenzen haben kann.
Zur Krankheit oder auch seelischen Störung wird die soziale Angst erst,
wenn sie in überstarkem Maß unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmt und somit
persönliches Leiden verursacht, entweder durch die Angst selbst oder durch die
Folgen, die daraus entstehen können, wie soziale Isolation, Einsamkeit,
Depression, berufliche Frustrationen etc. . Erst dann sprechen wir von
"Soziale Angst". Zur Definition von seelischen Krankheiten wird
heute weitgehend die Internationale Klassifikation seelischer Störungen,
10. Version (ICD-10) herangezogen. Hier sind als Kriterien für die soziale
Angst aufgeführt:
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- Eine deutliche Furcht, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu
stehen oder sich peinlich oder
erniedrigend zu verhalten oder
- eine deutliche Vermeidung, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen oder von
Situationen, in
denen die Angst besteht, sich peinlich oder erniedrigend zu
verhalten.
Solche Situationen können sein: Essen oder Sprechen in der Öffentlichkeit,
Begegnung mit
Bekannten in der Öffentlichkeit, Hinzukommen zu oder Teilnahme an
Gruppen wie z.B. Partys,
Konferenzen, Klassenräume usw..
Dabei können körperliche Angstsymptome auftreten, wie
- Erröten oder Zittern
- Angst zu erbrechen
- Miktions- oder Defäkationsdrang (= Harn- oder Stuhldrang) bzw. die Angst davor
Zusätzlich
besteht eine deutliche emotionale Belastung durch die Angst oder das
Vermeidungsverhalten sowie die Einsicht, dass die Symptome oder das
Vermeidungsverhalten übertrieben oder unvernünftig sind.
Und es muss (wie bei anderen Erkrankungen auch) ausgeschlossen werden, dass die
soziale Angst durch eine andere seelische Störung, wie z.B. eine
Wahnvorstellung, verursacht wird. |
Anders als bei anderen
situationsspezifischen Ängsten lassen sich bei der soziale n Angst die
angstbesetzten Situationen oft nicht vollständig vermeiden, da wir nun mal
soziale Wesen sind und nicht als Einsiedler leben. So werden diese Situationen
oft unter erheblichen Ängsten durch gestanden, ohne dass dies die Ängste
verändert, da Menschen mit soziale
r Angst in der Regel nicht überprüfen können, ob das, was sie befürchten,
eintritt oder nicht. Denn das eigentlich Ängstigende sind ja die vermuteten
negativen Bewertungen der anderen, und wir können alle den anderen ja nur "vor
den Kopf gucken", wissen also nie, was sie denken.
2) Wie viele Menschen leiden unter einer
soziale
n Angst / wer ist davon betroffen?
Genaue Angaben zu der Häufigkeit des
Vorkommens der soziale
n Angst sind schwer zu machen, da je nach Datum
und Art der Untersuchung unterschiedliche Definitionen für die Erkrankung
herangezogen wurden. Je nach Untersuchung haben 1,6 bis 12% der Menschen
mindestens einmal im Leben das volle Krankheitsbild der soziale
n Angst. Dabei haben Frauen ein 1,5-fach
bis 2-fach erhöhtes Risiko gegenüber Männern. Allerdings ist der
Geschlechterunterschied bei der soziale
n
Angst geringer ausgeprägt als bei
anderen Angststörungen. Die Wissenschaft ist sich dabei nicht einig, ob solche
Ergebnisse dadurch zustande kommen, dass Frauen tatsächlich mehr Ängste haben
oder dadurch, dass sie sie eher zugeben, weil Männer öfter dazu erzogen wurden,
keine Angst zu zeigen.
Hinsichtlich des Lebensalters gibt es keine Unterschiede, allerdings liegt das
Alter bei einem ersten Auftreten der soziale
n Angst meist im frühen bis späten
Jugendalter, also zwischen 13 und 20 Jahren. Nur selten tritt die Störung
erstmals nach dem 25. Lebensjahr auf. Bei Kindern ist mit der Diagnose der
soziale
n Angst sehr vorsichtig umzugehen, da bestimmte Ängste in bestimmten
Entwicklungsphasen dazugehören (z.B. das "Fremdeln" im Alter von ca. 8 Monaten)
und später wieder verschwinden.
3) Was weiß man über die
Ursachen der soziale
n Angst / Wie entsteht diese Störung?
Wie bei anderen seelischen Erkrankungen auch gibt es nicht "die" Ursache,
sondern es spielen verschiedene Faktoren bei der Entstehung einer soziale
n
Angst eine Rolle. Diese können biologische oder ererbte Faktoren sein, wie ein
zurückhaltendes bis gehemmtes Temperament, eine Neigung zum Erröten oder
generell eine erhöhte vegetative Reaktionsbereitschaft. Aber auch viele soziale
Faktoren oder Lernerfahrungen spielen beim Entstehen der soziale
n Angst eine Rolle. So kann eine unsichere
Eltern- Kind- Bindung das Risiko erhöhen, ebenso wie ein Erziehungsstil, der
zugleich emotional kalt und sehr kontrollierend ist. Und natürlich können auch
reale Erfahrungen von Beschämung und negativer Bewertung durch andere in der
eigenen Entwicklung zur Ausbildung einer soziale
n
Angst beitragen. In der Regel müssen mehrere Faktoren zusammenkommen, um eine
soziale Angst von Krankheitswert zu entwickeln (multifaktorielles
Entstehungsmodell, biopsychosoziales Entstehungsmodell).
Ist die soziale Angst erst einmal entstanden, bleibt sie - wenn sie nicht
behandelt wird - meist über längere Zeit bestehen, kann sich chronifizieren (=
zum Dauerzustand werden) oder auch ausweiten (= generalisieren), was dann das
Leben oft erheblich einschränkt. Meist wird die soziale Angst aufrechterhalten
über einen Teufelskreis von a) Befürchtungen = Erwartungsangst, b)
Angstsymptomen bzw. Vermeidung, c) eigener negativer Bewertung und Vermutung
negativer Bewertung durch andere (die nicht überprüft wird), d) dadurch erhöhter
Erwartungsangst vor der nächsten Situation (= a). Oft suchen die Betroffenen
erst spät professionelle Hilfe, da auch das therapeutische Gespräch zu den
gefürchteten sozialen Situationen gehört. So ist es nicht selten, dass die
soziale Angst bereits 20 Jahre besteht, ehe Hilfe gesucht wird, dann ist das
Leiden oft schon beträchtlich.
4) Gibt es einen Zusammenhang zu anderen seelischen Störungen?
Die Antwort lautet "jein". Denn ein ursächlicher Zusammenhang mit anderen
Störungen ist schwer nachzuweisen, allerdings kommen manche anderen Erkrankungen
zu einem gewissen Prozentsatz gemeinsam mit soziale
n Ängsten auf. So sind bei
Menschen mit einer soziale
n Angst häufig noch andere Angststörungen zu
finden (die Angaben schwanken zwischen ca. 8% und 45%), häufig sind auch
Störungen aus dem Kreis der Depression zu finden (ca. 11% - 37%) und ca. 11% -
19% leiden unter Alkoholmissbrauch oder einer Abhängigkeit. Einige Autoren
vermuten, dass zumindest die letzten beiden Gruppen oft die Folge der soziale
n Angst sind. So
mag sich so mancher schon mal "Mut angetrunken" haben, um die soziale Angst zu
bekämpfen. Auch das Leiden unter den sozialen und emotionalen Folgen erhöht
natürlich das Risiko für depressive Erkrankungen.
5) Welche Behandlungsmethoden bei soziale
r Angst gibt es?
Ausgearbeitete Konzepte zur Psychotherapie der soziale
n Angst gibt es vor allem von
verhaltenstherapeutischer Seite. Hier sind spezielle Gruppenprogramme erarbeitet
worden wie soziales Kompetenztraining oder Selbstsicherheitstraining, auch Assertiveness-
Training genannt. Oft wird eine Gruppenbehandlung vorgeschlagen, da hier die
soziale Situation an sich schon Bestandteil der Therapie ist, also sozusagen
"live" geübt werden kann. Aber auch eine Einzeltherapie der soziale
n
Angst kann mit ähnlichen Übungsbausteinen versehen sein und dabei noch andere
individuelle Spezifika berücksichtigen. Als sinnvoll hat sich auch das
Einbeziehen spezifischer Denkmuster von PatientInnen mit soziale
r Angst
erwiesen. Nicht selten sind unrealistisch hohe Ansprüche an sich und andere
sowie unrealistische Annahmen über Interaktions- und Bewertungsprozesse in
sozialen Situationen.
In gewisser Weise wird dies natürlich auch in tiefenpsychologisch fundierten
Psychotherapien einbezogen. Und schon Sigmund Freud selbst empfahl bei der
Angstbehandlung eine übende Konfrontation mit der angstauslösenden Situation. In
der Literatur finden sich auch Berichte über erfolgreiche Behandlungen mit
anderen psychotherapeutischen Verfahren, wie z.B. systemische Therapie.
Medikamente können unterstützend in einigen Fällen hilfreich sein. So können
Antidepressiva bei begleitenden depressiven Störungen die Voraussetzungen für
eine psychotherapeutische Behandlung der soziale
n Angst in einigen Fällen
verbessern ebenso wie andere selektiv eingesetzte Psychopharmaka. Vorsicht ist
bei Sedativa (Beruhigungsmitteln) geboten, da diese zwar das Erregungsniveau
senken, aber auch ein hohes (körperliches) Abhängigkeitsrisiko mit sich bringen.
Besser, wenn auch etwas aufwändiger, ist das Erlernen anderer Strategien zur
Reduktion des Erregungsniveaus, wie Entspannungsverfahren oder
Aufmerksamkeitslenkung auf andere als die angstfördernden Inhalte. Eine
medikamentöse Behandlung allein reicht nie aus, um eine soziale Angst zu
behandeln.
Es gibt auch Hinweise darauf, dass einige Menschen ohne fachliche Hilfe ihre
soziale Angst überwinden, ob diese Menschen dann aber außerhalb einer Therapie
ähnliche Hilfestellungen erfahren - etwa durch Kurse, Selbsthilfeliteratur oder
korrigierende soziale Erfahrungen - wissen wir nicht.
6) Welche Behandlungsmöglichkeiten bietet die Klinik am Homberg?
Die Klinik am Homberg,
Abteilung Psychotherapie, Bad Wildungen, versucht nach einer individuell
abgestimmten ärztlichen und psychotherapeutischen Eingangsdiagnostik, über ihr
Behandlungsangebot allen Pat. in den individuellen Behandlungserfordernissen
gerecht zu werden.
Bezüglich der Psychotherapie bietet sie mit ihrem tiefenpsychologisch
orientierten und verhaltenstherapeutischen Konzept die Möglichkeit, beide
Verfahren zu kombinieren. Wenn jemand in einem Verfahren bereits Vorerfahrungen
hat, können wir daran anknüpfen, wenn dies gewünscht wird.
Es gibt ein
Gruppentherapieangebot, das durch einzeltherapeutische Gesprächskontakte ergänzt
oder - wenn erforderlich - ersetzt werden kann.
So können in einer kognitiv- verhaltenstherapeutischen Angstbewältigungsgruppe
auf einer symptomorientierten Ebene psychophysiologische Zusammenhänge der
soziale
n
Angst und
Möglichkeiten der Reduzierung der Angstsymptomatik erarbeitet werden, parallel
können im Rahmen der Teilnahme an anderen Gruppenangeboten (kognitiv-
verhaltenstherapeutische Problemlösegruppe oder psychoanalytisch- interaktionelle Gesprächsgruppe, beides in Kombination mit Kreativverfahren)
relevante biografische Aspekte, belastende Lebensereignisse und -bedingungen
herausgearbeitet werden. Ein dadurch erzieltes tiefer gehendes und
differenzierteres Verständnis für die Notlage des/r Betroffenen dient als
Grundlage zur Formulierung und Umsetzung konkreter individueller
Behandlungsziele (z. B. Verarbeitung belastender Lebensereignisse, Förderung
adäquater Stressbewältigungsstrategien). Ein Erreichen der individuellen Ziele
soll letztlich ebenfalls eine
Reduzierung der soziale
n
Angst zur Folge haben.
Literaturhinweise:
Selbsthilfe:
-Christophe André, Patrick Légeron:
Bammel, Panik, Gänsehaut – Die Angst vor den anderen. Aufbau Taschenbuch Verlag,
Berlin, 2001.
-Gillian Butler: Schüchtern – na
und? Selbstsicherheit gewinnen. Verlag Hans Huber, 2002
Fachliteratur:
-Jürgen Margraf, Katharina
Rudolph (Hrsg.): Soziale Kompetenz und Soziale Phobie. Anwendungsfelder,
Entwicklungslinien, Erfolgsaussichten. Schneider Verlag,1999.
-Hansruedi Ambühl, Barbara Meier,
Ulrike Wilutzki: Soziale Angst behandeln. Pfeiffer bei Klett- Cotta 2001.
-Ulrich Stangier, Thomas Fydrich
(Hrsg.): Soziale Phobie und Soziale Angststörung. Hogrefe- Verlag 2002.
-Zeitschrift: Psychotherapie im
Dialog: Soziale Ängste, Nr. 1, März 2003, Thieme Verlag
E. Reich
Psychologische Psychotherapeutin

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Aktualisiert:
Juli 2010
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